Die Frage wird einige irritieren, doch legt der Beitrag „Flucht vor freier Zeit“ auf Einschau diese Frage nahe. Da schreibt Götz über einen Tag, der frei hätte sein können:
„Obwohl der Tag “objektiv” betrachtet eher entspannt war, fand ich mich in einem Wust von Aktivitäten, in denen wieder dieses Stressgefühl aufkam, bzw. dieses Gefühl, nicht genug Zeit zur Verfügung zu haben. Es waren aber allesamt Aktivitäten, die weder “wichtig” noch “wertvoll” waren. Ich hatte sie mir einfach völlig ohne Not aufgehalst. „
„Freizeit“ ist ein Begriff, der die Trennung von Arbeit und restlicher Zeit voraussetzt, die für das Industriezeitalter typisch war und noch heute (wenn auch abnehmend) das Leben vieler dominiert. Man versteht darunter die Zeit, in der man sich von der Arbeit erholt, sich Freunden und Familie, sowie diversen „Hobbys“ widmet. Vorrangig ist jedoch der Aspekt der Wiederherstellung bzw. Erhaltung der Arbeitskraft, was die Freiheit dieser Freizeit durchaus fraglich macht:
„Im spätindustriellen Zeitalter bleibt den Massen nichts als der Zwang, sich zu zerstreuen und zu erholen, als ein Teil der Notwendigkeit, die Arbeitskraft wiederherzustellen, die sie in dem entfremdeten Arbeitsprozeß verausgabten.“ (Adorno/Eisler)
Wer nun – freiwillig oder gezwungenermaßen – aus den althergebrachten Welten des Angestellten-Daseins heraus tritt, bekommt mit der „Freizeit“ naturgemäß ein Problem. Umso mehr, je freudiger und weniger „entfremdet“ die nun frei gewählte Arbeit erlebt wird: Wenn mein Hobby zur Arbeit wird, von dem ich leben kann – wozu dann noch Freizeit?
Nicht selten sprechen neue Selbständige (neudeutsch: „Entrepreneure“) stolz von ihrer 60- oder 80-Stunden-Woche, vergessen dabei aber gerne, dass diese „Arbeit“ eben nicht dasselbe ist wie die fremdbestimmte Tätigkeit von Angestellten. Oft ist es einfach das „pralle Leben“, in dem eben auch ein freundschaftlicher Kontakt eine geschäftliche Dimension hat – ebenso wie viele andere Aktivitäten, die ansonsten unter „Freizeit“ fallen würden.
Es liegt immer etwa an
Was ist nun das Problem? Ganz einfach: die To-Do-List eines Selbständigen ist niemals vollständig abgearbeitet. Man ist gewohnt, erst „mit gutem Gewissen“ aufzuhören, wenn man „fertig“ ist – das aber gibt es in dieser Art Leben & Arbeiten nicht mehr. Ebensowenig wie ein Zeit-Korsett, das einem sagt: es ist 17 Uhr, Ende für heute! Wenn ich nach 17 Uhr nicht mehr arbeiten DÜRFTE, wäre das für mich ein übler Zwang, eine Strafe, eine Beschränkung meiner Freiheit, zu tun, was anliegt.
Es hat Jahre gedauert, bis ich mir sowas wie ein Wochenende angewöhnt hatte – und auch jetzt arbeite ich gerne noch Samstag- und Sonntag-Vormittags „ein wenig“. Allerdings nicht offiziell: es ist gut, dass an diesen Tagen beruflich niemand etwas von mir wollen darf. Mitten in der Woche gehe ich dann allerdings schon mal nachmittags in den Garten, mitten in der allgemein üblichen „Berufszeit“. Diese Zeit ist schön, allerdings auch nicht im strengen Sinne völlig frei: So ein Garten bringt auch seine ToDo-List mit – sogar, wenn man naturnah, wild und faul gärtnert wie ich.
Frei ist der Mensch, nicht die Zeit
Mit „Freizeit“ kann ich also im Endeffekt gar nicht mehr viel anfangen. Ich weiß nicht mal, was Götz konkret meint, wenn er von der „Flucht vor der Freizeit“ spricht, mit der er Gefühle der Leere und Einsamkeit vermeiden will. Wäre „Freizeit“ denn allein das müßige Herumsitzen oder ziellose Spazierengehen? Dabei empfinde ich allermeist nicht Leere, sondern Langeweile – bzw. eine Sehnsucht danach, zu tun, was anliegt: sei es im Rahmen meiner Aufträge, meiner Eigenarbeit oder meines „Hobbys“. Ab und an ist da auch das Bedürfnis nach physischer Entspannung: im Liegestuhl sonnen, ein Saunabesuch – tja, mehr fällt mir da nicht mal ein.
Meine Berufsarbeit empfinde ich als frei gewählt, also fühl ich mich nicht unfrei, wenn ich den daraus entstandenen Verpflichtungen nachkomme. Dass ich darüber hinaus frei bin, mir selber Projekte vorzunehmen und sie auch umzusetzen, brockt mir allerdings schon ab und zu ein Stressgefühl ein: es gibt zu vieles, was ich tun wollte, als dass ich es auch nur ansatzweise zeitlich unterbringen könnte! Es ist schwer, mich zu entscheiden und gerne arbeite ich an zu vielen Baustellen gleichzeitig. Das macht es schwer, ein Ende zu finden, mit dem ich mich auch wirklich wohl im Sinne von „fertig“ fühle.
Frei ist also niemals die Zeit, sondern ich bin frei, die Zeit nach meinen Vorstellungen und mit den dadurch gewählten Tätigkeiten und Pflichten zu füllen. Es ist meiner Selbstdisziplin anheim gestellt, für einen Ausgleich zwischen eher geistigen und mehr körperlichen Aktivitäten zu sorgen, genau wie die verschiedenen Dimensionen des Lebens (Brotarbeit, Eigenarbeit, Freundschaften, physische Erholung, Haushalt, u.a.) der bewussten Harmonisierung bedürfen. All das tut sich nicht „von selber“, sondern ich muss mich immer mal wieder am Riemen reissen, nicht besinnungslos meinen ToDos zu verfallen.
Muße ist ein Muss, nicht „Freizeit“
Die wenige Zeit, in der ich wirklich „nichts tue“, also auch nicht Medien konsumiere oder Geschirr spüle, ist so gesehen auch nicht „freier“ als alles andere: es ist die nötige Muße, die mir den Abstand gibt, alle Tätigkeiten mal wieder ganz zwanglos zu überblicken. Wie „Kupplung treten“ beim Autofahren: ein Verharren im Nichts, bevor man wieder einen Gang einlegt. Unverzichtbar und extrem nützlich, auch und gerade für die Welt des selbständigen Arbeitens. Wirkungsvoll allerdings nur, wenn bewusst gewählt – nicht dann, wenn ich „eigentlich“ ganz gerne arbeiten würde.
„Getting Things Done“ und andere Selbstmanagement-Systeme befassen sich damit, wie man die allzu vielen Dinge getan bekommt. Ebenso wichtig ist es jedoch, sie auch mal sein zu lassen!
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5 Kommentare zu „Freizeit, freie Zeit – gibt es das?“.